AKV und Eigenverantwortung: Warum Rollenbeschreibungen oft bremsen

Klassische AKVs torpedieren Eigenverantwortung: Ein Gedankenexperiment zu Rollenbeschreibungen

Was würdest du sagen: Geht es eigentlich auch ohne Rollenbeschreibungen?

Stell dir vor, in deiner Rollenbeschreibung würde lediglich drinnen stehen:

  1. Tue das Nötige!
  2. Tue das Richtige!

Fertig. Mehr nicht. Was würde wohl passieren?

Ich finde solche Gedankenexperimente ziemlich spannend. Und lade dich ein wenig zum Philosophieren ein.

Fünf Projektleitende stehen für das Thema Rollenbeschreibungen und wie klassische AKVs Eigenverantwortung torpedieren

 

Ohne klassische AKV?

Die klassischen Rollenbeschreibungen lesen sich zumeist als AKV (Podcast-Episode: „Rollen & Rollenkonflikte – AKV“):

 

A: Aufgaben
K: Kompetenzen
V: Verantwortung

 

Wenn die AKV gut gemacht ist, …

  • dann stecken die „Kompetenzen“ auch Entscheidungs-, Weisungs- und Gestaltungsbefugnisse ab.
  • dann sind auch Schnittstellen-Funktionen/-Rollen beschrieben und wie das Zusammenspiel laufen soll.
  • dann geht aus ihr also auch die Reportingstruktur heraus.

 

Das Ziel der Rollenbeschreibung ist es, vermeintlich sichere Handlungsspielräume zu schaffen

Damit geben AKVs Orientierung bei der Gestaltung und dem Ausfüllen der Arbeit. Schlechte AKVs erkennst du also daran, dass sie konstellativ das Handeln auf den bloßen Vollzug begrenzen und keinerlei Befugnisse einräumen.

 

Doch was, wenn es gar keine AKV gibt, ist das schlecht?

Ein Einwand könnte sein: Dann kenne ich ja gar nicht meine Verantwortung und jede:r macht, was er/sie will.

 

Für mich zieht das nicht als Argument. In unserem Leben/Alltag haben wir auch keine Rollenbeschreibung und handeln trotzdem. Sind gezwungen, über Zweck, Ziel, Ergebnis, Prioritäten etc. nachzudenken. Genauso über die Notwendigkeit und was als richtig gilt.

 

Wird uns das in der Arbeit plötzlich abgenommen, nur weil wir für wen anders arbeiten bzw. handeln? Weil wir nicht mehr für uns selbst arbeiten? Sondern im Auftrag und Interesse anderer und schlussendlich für Geld?

 

Ich sage, das befreit uns nicht von den Überlegungen, was notwendig und richtig ist!

 

Ich behaupte, hier beginnt unternehmerisches und mitverantwortliches Denken. Und das gehört kultiviert und trainiert. Wenn du ein Projekt übernimmst, bist du verantwortlich (Blogartikel: „Selbstorganisation im Projektteam: Verantwortung verteilen statt kontrollieren“) für dessen erfolgreiche Umsetzung und Sicherstellung der gewünschten Wirkung.

 

Ab dem Moment, wie du das Projekt übernimmst, nimmst du das Heft in die Hand (Blogartikel: „Chuzpe – der wichtigste Soft Skill erfolgreicher Projektleitender“) und agierst nicht nur bis zu den künstlichen Grenzen einer Rollenbeschreibung. Insbesondere, wenn das Projekt damit droht zu scheitern oder seine Wirkung zu erfüllen. Dann bist du in der Pflicht, diese Grenzen zu dehnen, zu verschieben oder kurz: Das Nötige und Richtige zu tun. Denn du bist am nähesten dran und kannst es am besten beurteilen.

 

Sonst werden auch deine Stärken, dein Potenzial, deine Power eingeschränkt.

 

Das geht freilich nur, wenn wir uns trennen von der reinen konstellativen Richtigkeit und Norm „so und nicht anders“ und hinwenden zu mehr situativer Angemessenheit und Augenmaß.

 

Das bedarf natürlich einem gut trainierten Urteilsvermögen und der Fähigkeit zur Reflexion, wer noch mit hinzuzuziehen ist, um Entscheidungen zu treffen.

 

Keine AKV heißt also nicht etwa „Alleingang“ sondern …

  1. Verantwortung übernehmen: Je nach Situation bist du gefordert, diese einzuschätzen.
  2. Echtes Interesse: Wirklich verstehen und mit der Situation beschäftigen wollen.
  3. Haltung zeigen: Dinge besser machen wollen, als sie heute sind.
  4. Gemeinsamen Ethos: Also das größte, kollektive Interesse anstreben.

Statt AKVs zu schreiben, sollten die Führungskräfte (Podcast-Episode: „Führung: 24 Kompetenzen guter (erfolgreicher) Projektleiter:innen“) in Unternehmen ihre Belegschaft daher sensibilisieren, worum es im Grunde geht, und zu verantwortungsvollem Handeln motivieren. Und damit sollten wir dann unser Geld verdienen.

 

These: Wahrscheinlich fühlt sich das ziemlich sinnvoll an

Ziel der modernen Rollenbeschreibung wäre demnach, das Spiel zu beschreiben, in dem der Spielraum liegt. Also der Rahmen, der Zweck der Unternehmung. Der Bedarf der Kunden. Die Strategie des Unternehmens. Die Gesetze, die gelten. Also die zwingend geltenden Bedingungen und Voraussetzungen.

Beschreiben wir hingegen die Spielräume, dann schaffen wir dadurch zwar …

  • Reduktion: Weil die Anzahl der Handlungsmöglichkeiten reduziert wird, was für gefühlte Klarheit sorgt.
  • Orientierung: Weil wir Ablenkung und ein Sich-Verlieren in den vieldeutigen Möglichkeiten vermeiden, was für gefühlte Entscheidungssicherheit sorgt.

 

Doch gleichzeitig „verziehen“ wir unsere Mitarbeitenden zu unmündigen Erfüllungsgehilfen mit wenig Selbstbewusstsein

… weil sie sich durch mangelndes Beurteilen-und-Entscheiden-Müssen nicht mehr auf ihr eigenes Urteilsvermögen verlassen können. Dann wird das Arbeitsumfeld erst recht zu diffus. Verunsicherung nimmt zu. Die Risikoaversion nimmt zu. Und alle sind froh, keine Verantwortung mehr zu übernehmen.

 

Echtes Erfahrungswissen macht den Unterschied

Und dafür braucht es Training und Spielpraxis. Da liegt die eigentliche Führungsaufgabe. Und diese dürfen wir nicht auslagern in Rollenbeschreibungen und Prozessvorschriften. Das braucht unsere Hinwendung als Führungskräfte. Unsere Begleitung beim Beurteilen von Situationen.

 

So erwächst auch echtes Vertrauen

(Podcast-Episode: „Die Vertrauensformel – über gute Beziehungen & Führen im Projekt“)

Und so entsteht auch eine gemeinsame Wertebasis für das Handeln. So finden Gespräche zu Prinzipien und Anspruch statt. So wissen alle um die gemeinsame Vision, Grundhaltung und Arbeitsethos. Weil es ohne gar nicht ginge.

Dann wenden wir uns an die Person, die es kann und weiß, statt an die Person im Organigramm, die es wissen müsste.

Dann entstehen auch spontan neue Rollen, weil es sie braucht. So wurde ich zum Botschafter für modernes Projektmanagement. Erst ohne Titel und Rolle und Rang und Mandat bei Danone. Dann unter eigener Flagge, weil ich lieber Wirkung entfalten statt andere überzeugen wollte, die mein Wirken gar nicht beurteilen konnten.

 

Unterm Strich lautet meine These: Klassische AKVs torpedieren Eigenverantwortung!

Wer wirklich etwas bewirken will, schaut nicht in die AKV, ob er/sie das darf, sondern findet den nötigen und situationsgerecht richtigen Weg hin zum Ziel und übernimmt für sein Handeln die volle Verantwortung.

Und das geht in meinen Augen auch in großen Unternehmen, in denen nicht jede:r jede:n kennt. Geht es nicht, wird jemand oder mehrere ihrer Verantwortung nicht gerecht, das Spiel gut genug zu erklären und die verschiedenen Spieler auf dem Spielfeld gut miteinander zu verbinden.

Klassische Rollenbeschreibungen reduzieren vielleicht Unsicherheit. Allerdings häufig um den Preis unternehmerischen Denkens, des Aufbauens einer Kultur des Vertrauen ineinander und der Führung mit Kontext.

 

Häufig gestellte Fragen zu AKV und Rollenbeschreibungen

 

Bedeutet der Verzicht auf AKV automatisch Chaos im Team? Nein. Es bedeutet, dass Klarheit nicht mehr über ein Dokument, sondern über Haltung, Training und gemeinsame Wertebasis entsteht. Das braucht anfangs mehr Führungsarbeit, nicht weniger.

 

Für welche Teams eignet sich Arbeiten ohne klassische AKV am besten? Vor allem für erfahrene Teams mit trainiertem Urteilsvermögen und einer gewissen Fehlerkultur. Je diffuser das Arbeitsumfeld und je neuer das Team, desto mehr Übergangs-Leitplanken braucht es zunächst.

 

Wie reagiere ich als Führungskraft, wenn Mitarbeitende explizit nach AKV fragen? Das ist ein wichtiges Signal, kein Rückschritt. Es zeigt, wo Unsicherheit oder mangelndes Training im eigenen Urteilsvermögen liegt, und wo du gezielt Vertrauen und Übung aufbauen kannst, statt sofort ein Dokument nachzuliefern.

 

Ist eine moderne Rollenbeschreibung dasselbe wie gar keine Rollenbeschreibung? Nein. Die moderne Rollenbeschreibung beschreibt das Spiel (Rahmen, Zweck, Kundenbedarf, Strategie, geltende Bedingungen), nicht den Spielraum selbst. Sie schafft Orientierung, ohne den Handlungsraum künstlich zu begrenzen.

 

Wie fange ich an, wenn ich AKVs in meinem Team reduzieren will? Am besten schrittweise: Ersetze in einer nächsten Rollenbeschreibung die Aufgaben-Liste testweise durch den Rahmen und Zweck des Projekts, und beobachte gemeinsam mit dem Team, welche Entscheidungen von selbst getroffen werden.

 

💡 Mein Tipp für dich

Nimm dir eine bestehende Rollenbeschreibung in deinem Team vor und markiere jeden Satz, der eine Aufgabe im Detail vorschreibt statt einen Rahmen zu setzen. Frag dich bei jedem markierten Satz: Würde die Person das auch ohne diese Zeile richtig entscheiden? Wenn ja, streich sie.

 

Und vergiss nie: Du kannst jederzeit deine verrückten Ideen umsetzen! In deinen Projekten und darüber hinaus.

Auf zur Brillanz ✨
Chris

 

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