Handlungsspielraum und Selbstwirksamkeit: Was Prozesse mit uns machen
Handlungsspielraum (Blogartikel: „AKV und Eigenverantwortung: Warum Rollenbeschreibungen oft bremsen“) ist das A und O, um Selbstwirksamkeit zu erleben. Das Problem ist: Wenn wir nicht achtgeben, geht uns dieser Spielraum peu à peu verloren. Mit allen Konsequenzen, insbesondere für die Kultur des Miteinanders und unser Selbstbewusstsein. Hartmut Rosa stellt das eindrucksvoll in seinem neuen Buch dar. Ein MUSS für alle mit (Team)Verantwortung (Blogartikel: „Selbstorganisation im Projektteam: Verantwortung verteilen statt kontrollieren“).

Hast du schon was für den Urlaub auf den Ohren?
Schon seit Wochen zieht mich ein neues Buch in den Bann. In dem Fall als Hörbuch, weil ich den Sprecher mag und es so leichter in meinem Alltag unterbekomme. Doch ohne eine Geschichte aus dem wahren Leben und eine Einordnung in etwas Kontext, will ich dir das Buch nicht übern Zaun werfen.
Was ist passiert? Wenn Prozesse den Handlungsspielraum nehmen
Meine Lebensmittel lasse ich gerne von Knuspr bringen, einem Lieferdienst. Das ist super praktisch: App auf, schnell alles in den Einkaufskorb, Lieferzeit bestimmen, bezahlen. Läuft. Fast!
Ich musste spontan weg und war nicht zu Hause, als der Bote klingelte. Also rief er mich an, mein Handy war allerdings auf stumm und ich ja auch beschäftigt.
Nicht das erste Mal. Normalerweise stellt der Bote die Tüten einfach vor die Haustür, bezahlt ist ja schon. Und es ist auch meine Verantwortung, jetzt ne Lösung für die verderblichen Waren zu finden, die eigentlich in den Kühlschrank gehören.
Dieses Mal nimmt der Bote allerdings alles mit und ich bekomme eine SMS mit Bitte um Rückruf in der Zentrale.
Was jetzt passiert, ist spannend …
Weil ich ja seine Nummer hatte (vom verpassten Anruf), rufe ich da zuerst an. Er geht auch ran. Ist allerdings schon auf dem Rückweg ins Lager und kann daher die Tüten nicht mehr wie gewünscht zustellen. Auf einer späteren Tour vielleicht. Dafür müsse ich allerdings in der Zentrale anrufen. Er kann da leider nix machen.
Also rufe ich in der Zentrale an. Das Lager ist nicht weit weg. Also frage ich, ob ich es da selbst abholen kommen könnte. Ist quasi auf dem Weg. Nein, das sehen die Prozesse nicht vor.
Okay, was sehen die Prozesse denn vor?
Ich müsse die Bestellung stornieren und neu aufgeben! What? Das ist doch alles schon verpackt, in den richtigen Tüten, sogar im Zustellfahrzeug. „Stimmt, doch tut mir leid, das geht nicht anders.“
Der Gegenvorschlag: Was sie machen können, ist meinen Warenkorb wiederherzustellen. Allerdings nur mit den Dingen, die vorrätig sind. Von ein paar Dingen hatte ich das letzte Stück am Lager bestellt. Da das bereits „in Zustellung“ und in Tüten verpackt ist, zählt es nicht als Lagerbestand und es dauert eine Weile, bis das wieder in Ihrer App sichtbar wird.
Mich macht das nervös, denn …
„Das ist doch überhaupt nicht logisch und obendrein unnötig kompliziert“, höre ich mich sagen. „Ja, stimmt … doch ich kann da nichts machen …“ erwidert die Stimme am Telefon. „… das System lässt mich nicht.“
Und das Ende vom Lied ist tatsächlich: Neu bestellt. Neu bezahlt. Das alte Geld zurücküberwiesen bekommen. Zwei Produkte fehlen.
Weil weder der Bote, noch die Zentrale, noch das Lager eine Chance haben, mit dem System zu arbeiten. Alle arbeiten durch das System.
Und so werden sie von Handelnden zu Vollziehenden: Selbstwirksamkeit im Arbeitsalltag
Und wenigstens drei Leute sind gefrustet, weil wir alle anders „gearbeitet“ hätten, wenn man uns nur hätte machen lassen in der Situation. Doch dafür fehlte der Spielraum.
Denn auf situatives Entscheiden, darauf ist das System nicht ausgerichtet. Es konstelliert die üblichen Abläufe und lässt obendrein einen rechts und links davon nicht zu.
Ergo, diktiert das System, wie wir zu arbeiten/handeln haben. Und unser Handlungsspielraum ist beschnitten. Würde ich da arbeiten, würde ich mir denken „Okay, das darf ich jetzt ändern, sodass ähnliche Fälle künftig leichter gelöst werden können. Oder ihr macht euren Sch* allein – ich suche mir lieber etwas, wo ich noch mitentscheiden kann, wie ich meine Arbeit sinnvoll verrichte.“
Weil ich mich als selbstwirksam empfinden möchte. Daraus entstehen nämlich Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Weil ich lerne und erfahre, dass ich mich auf mein Urteilsvermögen verlassen kann. Zudem erlebe ich mich als mündig. Und bin zufrieden und stolz über das Geleistete bzw. das Erreichte. Die Systeme dürfen mir gerne dabei helfen. Doch wenn sie mich dumm und kleinhalten, tut mir leid, dann haben wir ein Problem.
Das Hörbuch: „Situation und Konstellation“ von Hartmut Rosa
Seit ich das Buch von Hartmut Rosa „Situation und Konstellation“ höre, muss ich immer wieder an genau solche Situationen denken.
Dass ich ein großer Hartmut-Rosa-Fan bin, weißt du wahrscheinlich. Niemanden habe ich häufiger rezitiert. Niemand prägt meine Sicht auf Soziodynamik und Beziehungen (Blogartikel: „Soziale Energie – Gute Beziehungen führen zu guten Projekten“) und Miteinander mehr als der Uni-Professor für Soziologie in Jena.
Und weil er das Thema KI und dessen Folgen für Gesellschaft, Miteinander, Arbeitsweisen, Persönlichkeit, Verhalten in diesem Zuge ganz genau beleuchtet, ist es für mich eines DER WERKE, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt.
Eines meiner absoluten Game Changer Zitate und Kopfnüsse zum Eine-Weile-Drüber-Nachdenken:
„Kultur ist das Resultat von Umwegen. Und die KI nimmt keine Umwege hin zum Ergebnis.“
Viel Freude beim Reinhören und Reflektieren:
Wo in deinem Unternehmen nehmen Prozesse Menschen heute den Handlungsspielraum? Wo nimmst du sie deinem Team? Wo dir selbst?
Häufig gestellte Fragen zum Hörbuchtipp
Worum geht es im Hörbuch „Situation und Konstellation“? Hartmut Rosa beschreibt, wie der Handlungsspielraum verschwindet, und beleuchtet dabei auch die Folgen von KI für Gesellschaft, Miteinander, Arbeitsweisen und Verhalten.
Warum ist Handlungsspielraum wichtig für Selbstwirksamkeit? Wer entscheiden und mitgestalten kann, erlebt sich als wirksam. Daraus entstehen Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, weil man erfährt, dass man sich auf das eigene Urteilsvermögen verlassen kann.
Was passiert, wenn Prozesse und Systeme alles vorgeben? Die Beteiligten werden von Handelnden zu Vollziehenden. Sie arbeiten durch das System statt mit ihm, das frustriert und nimmt die Chance, situativ gut zu entscheiden.
Für wen lohnt sich das Hörbuch? Besonders für alle mit (Team-)Verantwortung, also Führungskräfte, Projektleitende und alle, die Prozesse und Arbeitsweisen mitgestalten.
Was bedeutet das Zitat „Kultur ist das Resultat von Umwegen“? Kultur entsteht nicht auf dem direkten Weg zum Ergebnis, sondern durch Umwege. KI nimmt solche Umwege nicht hin, deshalb lohnt es sich, bewusst darüber nachzudenken, was dabei verloren geht.
💡 Mein Tipp für dich
Nimm dir einen Prozess aus deinem Alltag vor, an dem du oder dein Team regelmäßig hängen bleibt. Frag dich: Wer darf hier eigentlich situativ entscheiden, und was würde sich ändern, wenn wir genau dafür einen kleinen Spielraum festlegen?
Und vergiss nie: Du kannst jederzeit deine verrückten Ideen umsetzen! In deinen Projekten und darüber hinaus.
Auf zur Brillanz ✨ (Podcast-Episode: „Auf zur Brillanz!“)
Chris
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